WordCraft, PhotoCraft und weitere KI-Klone von Word, Photoshop und Co.

Werden die großen Softwarepakete jetzt einfach mit KI kopiert?

Aktuell geistern einige Meldungen durch die Medien: Findige Entwickler haben mit KI-Unterstützung große Anwendungen wie Word, Excel oder Photoshop kurzerhand nachprogrammiert. Der aktuelle Stand sei zwar noch nicht perfekt, aber durchaus beeindruckend. Und die großen Softwarekonzerne hätten nun ein Problem.

Wenn man mich fragt, ist das erst einmal hauptsächlich Clickbait. Nicht ohne Grund hat man sich ausgerechnet die großen Flaggschiffe der Softwarebranche ausgesucht. Mit einem Photoshop- oder Word-Klon lässt sich schließlich deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen als mit irgendeinem kleinen Spezialprogramm.

Ich habe bisher nur die Photoshop-Variante getestet. Einerseits ist es durchaus beeindruckend, wie viel auf Anhieb funktioniert. Andererseits merkt man beim genaueren Hinsehen schnell, dass viele Funktionen nur halb, gar nicht oder zumindest nicht besonders gut umgesetzt sind. Es fehlt an Feinschliff, Tests und zahlreichen Details, die man bei einer ausgereiften Anwendung ganz selbstverständlich erwartet.

Schnell programmiert, aber wer kümmert sich darum?

Natürlich könnte man das alles noch verbessern. Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, ob sich langfristig jemand um die eher unspektakulären Aufgaben wie Fehlerbehebung, Wartung und Weiterentwicklung kümmern wird, wenn das mediale Theater erst einmal abgeebbt ist.

Genau hier sehe ich das eigentliche Problem. Es ist relativ einfach, mit einem spektakulären Prototyp Aufmerksamkeit zu erzeugen. Deutlich schwieriger ist es, daraus eine zuverlässige Software zu machen, die auch in fünf Jahren noch gepflegt und weiterentwickelt wird.

Wenn ein Entwickler innerhalb kürzester Zeit einen Software-Klon nach dem anderen veröffentlicht, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es wirklich darum geht, brauchbare Alternativen zu schaffen, oder ob nicht doch der nächste Wow-Effekt im Vordergrund steht.

Statt zahlreiche Anwendungen in Alpha-Qualität herauszubringen, wäre es aus meiner Sicht wesentlich sinnvoller, sich zunächst auf ein einziges Projekt zu konzentrieren und dieses konsequent weiterzuentwickeln. Ein wirklich guter Photoshop-Klon wäre schließlich eine beachtliche Leistung. Zehn halbfertige Kopien sind dagegen vor allem eines: zehn zusätzliche Baustellen.

Die letzten 20 Prozent sind das Problem

Als Softwareentwickler kenne ich das Problem nur zu gut. Die ersten 80 Prozent einer Anwendung sind häufig relativ schnell umgesetzt. Die restlichen 20 Prozent benötigen dann gerne noch einmal genauso viel Zeit. Manchmal sogar deutlich mehr. Daran ändert auch KI nicht grundsätzlich etwas.

Eine hübsche Oberfläche mit ein paar funktionierenden Werkzeugen ist eben noch lange kein Ersatz für eine über Jahrzehnte gewachsene Anwendung.

Gerade bei Programmen wie Word geht es nicht nur darum, Texte eingeben und formatieren zu können. Viel wichtiger ist beispielsweise, dass sich ein 20 Jahre altes Word-Dokument öffnen lässt und anschließend möglichst genauso aussieht wie damals. Mit allen Tabellen, Formatierungen, Seitenumbrüchen und sonstigen Besonderheiten.

Solche Dinge sind wenig spektakulär und taugen kaum für eine beeindruckende Demonstration auf YouTube. Für die Anwender sind sie aber entscheidend.

Dazu kommen die üblichen Probleme der Softwareentwicklung: Fehler beheben, Sicherheitslücken schließen, neue Betriebssystemversionen unterstützen und sicherstellen, dass eine Änderung nicht gleich drei andere Funktionen kaputtmacht.

Das ist die Arbeit, die nach dem ersten Hype beginnt. Und die macht meistens deutlich weniger Spaß, als mit KI innerhalb weniger Tage den nächsten spektakulären Prototyp zusammenzubasteln.

Alternativen gibt es längst

Hinzu kommt, dass wir bereits zahlreiche etablierte Alternativen haben. OpenOffice, GIMP, PhotoLine oder SoftMaker Office, um nur einige zu nennen.

Diese Programme sind teilweise seit Jahrzehnten auf dem Markt und werden oder wurden über lange Zeiträume weiterentwickelt. Auch dort steckt viel Arbeit in Details, die man auf den ersten Blick gar nicht wahrnimmt.

Warum sollte ich also auf einen halbfertigen KI-Klon umsteigen, wenn es bereits ausgereifte Alternativen gibt?

Versteht mich nicht falsch: Ich finde die technischen Möglichkeiten durchaus faszinierend. Mit KI lassen sich heute Dinge umsetzen, für die man früher ein ganzes Entwicklerteam und deutlich mehr Zeit benötigt hätte. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung.

Aber nur weil jemand eine bekannte Softwareoberfläche in kurzer Zeit nachbauen kann, ist damit noch lange nicht das eigentliche Produkt ersetzt.

Und dann wären da noch die Anwälte

Nicht zuletzt dürften bei Microsoft, Adobe und Co. auch die Rechtsabteilungen aufmerksam verfolgen, was da gerade entsteht. Schließlich stellt sich bei solchen Nachbauten durchaus die Frage, wo die Grenzen zwischen einer eigenständigen Alternative und einer rechtlich problematischen Kopie verlaufen.

Eine ähnliche Oberfläche oder vergleichbare Funktionen sind nicht automatisch verboten. Bei übernommenen Grafiken, geschützten Markenzeichen oder kopiertem Programmcode kann die Sache allerdings anders aussehen.

Mein Fazit

KI wird die Softwareentwicklung verändern und macht es erheblich einfacher, neue Anwendungen und Prototypen zu erstellen. Daran habe ich keinen Zweifel.

Ein funktionierender Prototyp ist eine tolle Sache. Eine zuverlässige, ausgereifte Anwendung, die langfristig gepflegt wird, ist eine ganz andere Hausnummer.

Ich bin gespannt, wie viele dieser KI-Klone in einem halben Jahr noch aktiv weiterentwickelt werden. Meine Vermutung: Um einige wird es ziemlich schnell wieder ruhig werden, während die Entwickler bereits am nächsten spektakulären Projekt arbeiten.

Denn: Software zu schreiben ist das eine. Sich anschließend jahrelang darum zu kümmern, ist das andere.

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